Von Aufzügen, Politikerweisheiten und warum man als Wissenschaftler*in seine Forschungsinhalte abstrahieren sollte, ohne abstrakt zu werden – Ein Bericht zum Coaching-Workshop für Nachwuchswissenschaftler*innen mit Ruprecht Polenz

Sie befinden sich mit einem mächtigen Politiker Ihrer Wahl in einem Aufzug, der Sie in die 15te Etage eines Bürogebäudes bringt. Ihnen bleiben lediglich zwei Minuten, um dem Politiker von Ihren Forschungsergebnissen zu berichten und auf diese Weise einen Anstoß zu geben in einem bestimmten politischen Handlungsfeld tätig zu werden, ihn letztendlich zu überzeugen und weitere Politikberatung in Aussicht zu stellen.

Mit diesem Szenario beginnt der inhaltliche Teil des Coachings zu welchem der Leibniz ScienceCampus „Eastern Europe – Global Area“ (EEGA) am 23. Januar in die Räumlichkeiten des Sonderforschungsbereichs 1199 in Leipzig eingeladen hatte. Elf junge Nachwuchswissenschaftler*innen aus verschiedenen Leipziger Forschungsinstituten haben das Angebot wahrgenommen, um mit dem Politiker und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e. V. Ruprecht Polenz zum Thema Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte an die Politik zu arbeiten.

Ruprecht Polenz blickt, als studierter Jurist, auf eine lange politische Karriere zurück. Als Mitglied der CDU engagierte er sich lange in der Kommunalpolitik der Stadt Münster und war danach für 20 Jahre als Mitglied des Deutschen Bundestages tätig. Seine Expertise im Bereich Europa und auswärtige Politik beruht auf seiner langjährigen Erfahrung als Vorsitzender des Auswärtigen Ausschuss. Als amtierender Präsident der Deutschen Gesellschaft für Osteuropa e.V. interessiert er sich sehr für die Aktivitäten und Belange des EEGA und willigte auf eine Anfrage rasch ein. Auch für Herrn Polenz war das Workshopformat eine Premiere, dem, so viel kann an dieser Stelle schon verraten werden, weitere Coachings folgen werden.

In Vorbereitung auf den Workshop hatten die Teilnehmer*innen ihre aktuellen Forschungsprojekte in Kurzform resümiert und einen Text, angelehnt an das Format der Artikel der Stiftung Wissenschaft und Politik, zu ihren Dissertationsthemen verfasst. Der Workshop hatte nicht allein durch die Besprechung der vorbereiteten Texte einen starken Anwendungsbezug. Ruprecht Polenz verstand es auch, klare Handlungsempfehlungen auszusprechen. Deren Umsetzung in praktische Beispielen von den Teilnehmer*innen ließ nicht auf sich warten.

Wie formuliere ich meine wissenschaftlichen Inhalte verständlich? Welche Aufbereitungen inhaltlicher und sprachlicher Art sind von Nöten, um Politiker*innen zu erreichen? Laut Polenz ist die Verknüpfungsleistung von großer Bedeutung: Jede(r) Wissenschaftler*in muss sich vor Augen führen, dass Politiker „abgelenkte Personen mit wenig Zeit sind, die sich weniger für wissenschaftliche Methoden, sondern für die Ergebnisse interessieren“. Natürlich bedeutet das nicht, dass wissenschaftliche Methoden unbedeutend sind, aber ein gewisses Grundvertrauen der Politik gegenüber der Wissenschaft führt zu ebenjener Erübrigung – „Man wird Ihnen glauben, dass Sie wissenschaftlich korrekt gearbeitet und das methodische Handwerkszeug draufhaben“. Die Transferleistung eines Wissenschaftlers in der Vermittlung seiner Inhalte besteht darin, sich in die ‚Haut‘ des Politikers*in hinein zu versetzen und seine wissenschaftlichen Inhalte ganz auf die jeweilige Person und ihre Interessen und Arbeitsfelder abzustimmen. Informationen müssen aufbereitet und reduziert werden. Zudem sollte eine Übersetzung in die Alltagssprache vorgenommen werden. Zum journalistischen Handwerkszeug gehört es auch, das Wichtigste zuerst zu nennen, auf Fremdworte zu verzichten, kurze Sätze und nicht Schachtelsätze zu verwenden und seine Aussagen durch Abstraktion zusammenzufassen, ohne dabei abstrakt zu werden.

Ruprecht Polenz erwähnte in diesem Rahmen die Bringschuld der Wissenschaft, die sich in der jeweiligen Übersetzung der Forschungsergebnisse widerspiegele und sprach von einer Holschuld der Politik, die aus schlichtem Zuhören und eine Hinwendung zum Wissenschaftsbereich bestehe.

Ausgerüstet mit der notwendigen Frustrationstoleranz ermunterte Polenz die Teilnehmer*innen des Workshops, immer wieder mit den Politiker*innen in Kontakt zu treten, nicht gleich beim ersten Misserfolg aufzugeben und bereits früh auf politische Veranstaltungen und Podien zu gehen, um „seine Visitenkarten“ an die richtigen Leute zu verteilen, da „niemand bei Ihnen zu Hause klingeln wird, um Sie darum zu bitten, einen Artikel zu schreiben oder eine bestimmte Beratung anzubieten“.

Der Workshop lebte auch von sogenannten Polenz-Weisheiten, die sich durch hohen Praxisbezug und eine einfache Umsetzung auszeichneten. „Zustände kann ich kritisieren, Personen nicht“ – so lautete beispielsweise eine dieser Weisheiten mit der Ruprecht Polenz zur Umsicht mahnte.

Neben den formalen und sprachlichen Tipps, die Ruprecht Polenz zu den einzelnen Papers der Teilnehmer*innen gab, bestand der besondere Mehrwert des Workshops aus den intensiven inhaltlichen Diskussionen, die sich aus den Themen ergaben. Die politische Erfahrung und Einordnung der Inhalte beeindruckte die Teilnehmer*innen und Polenz ermutigte sie, immer wieder gelernte Konzepte von konkreten Anwendungsfällen zu abstrahieren, um sie auf neue Problemlagen zu beziehen. Es sei genau dieser Transfer, der die Wissenschaftler*innen unabdingbar für die politische Arbeit mache.

Eine Workshopeinheit mit Tipps zur Vorbereitung eines Sprechzettels für Politiker*innen schloss das Coaching ab. Nicht nur die intensive und persönliche Arbeitsatmosphäre, sondern auch der Anwendungsbezug waren maßgeblich ausschlaggebend für den Erfolg des Coachings, das im kommenden Jahr wieder angeboten wird.

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